Demokratie ist mehr
Ein Projekt der politischen Weiterbildung


Block I. Selbstbestimmung und Selbstverantwortung in Politik und Religion - Begegnung mit Arnulf Zitelmann




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Selbstbestimmung und Selbstverantwortung werden in unserer Gesellschaft immer deutlicher als Grundwerte erfahren. Als solche würde sie kaum jemand in Frage stellen.
Auch für die Politik wird wohl gemeinhin, von der Bevölkerung wie von den politischen Vertretern, ihre Gültigkeit beansprucht und eigentlich auch ihre Anwendung in der geltenden politischen Realität vertreten. Genau besehen, enthält aber die herrschende Form von Demokratie beides grundsätzlich vor: die Möglichkeit der Auswahl der politischen Vertreter, der Delegierung ist erst dann eine Form von Selbstbestimmung und eine Frage der Selbstverantwortung, wenn jederzeit die Möglichkeit besteht, diese Delegierung rückgängig zu machen und verbindlich einzugreifen, wenn deren Ausübung nicht mehr dem eigenen Willen entspricht. Beide Möglichkeiten sind bis jetzt nur in wenigen Ländern, deren politische Systeme als Demokratien bezeichnet werden, gegeben.
Politische Selbstbestimmung und Selbstverantwortung werden bei der Wahl nicht ausgeübt, sondern abgegeben. Die Wahl gründet auf Vertrauen, ein Vertrauen, das freilich so lange fragwürdig ist, als es keine Alternative zur Wahl gibt: das Vertrauen kann zwar vom einzelnen mit der Wahlverweigerung nicht ausgesprochen werden, dieser wird aber unabhängig davon vertreten. Der Wähler kann keine Verantwortung tragen für seine Wahl eines politischen Vertreters. Das wäre nur der Fall, wenn der Gewählte einem imperativen Mandat, dem direkten Auftrag der Wähler und ihrer unmittelbaren Kontrolle untersteht. In den repräsentativen Demokratien hingegen sind die Verantwortungsträger, verfassungsrechtlich festgelegt, einzig ihrem Gewissen verpflichtet. Diesem kann der Wähler nur vertrauen und sich ihm anvertrauen, aber verantwortlich für die Handlungen des politischen Vertreters ist niemand außer dieser selbst. Menschen sind nicht durchsichtig. Auch und vor allem politi-sche Vertreter sind erst an ihrer Tat zu erkennen; dann ist es aber meistens schon zu spät, weil sie Realitäten schaffen.

Erst dann, wenn Bürgerinnen und Bürger unabhängig von ihrer politischen Vertretung entscheiden können, wenn sie die Delegierung ihrer Zuständigkeit und Verantwortung jederzeit widerrufen können, erst dann, wenn sie die Verantwortung der Kontrolle über das Handeln und Nichthandeln ihrer politischen Vertreter tragen, erst wenn das Wahlrecht durch das Stimmrecht ergänzt ist, wenn Demokratie eine direkte und eine indirekte ist, ist politisch der Grundwert der Selbstbestimmung und der Selbstverantwortung realisiert.

Eine solche politische Realität setzt das Bild eines selbstbestimmten und selbstverantwortlichen, des mündigen Bürgers voraus. Ein Bild, das auch ohne den Beweis gilt, daß alle Bürger und Bürgerinnen tatsächlich mündig sind und sich so verhalten, ein Bild, auf das ein jeder Bürger, eine jede Bürgerin vorweg ein ursprüngliches Recht besitzt. Sie setzt ein Menschenbild voraus. Das Menschenbild ist mehr als die Realität des Menschen, es ist das Bild, das sich der Mensch von sich selbst macht, das er von sich entwirft, auf das hin er sich entwirft. Das Menschenbild ist ein Gottesbild: "Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn", heißt es im 1. Buch Mose 1, 26-27.

Die Frage liegt also nahe und zielt auf den Grund der Vorstellung von Demokratie:

"Welches Gottesverständnis und folglich welches Menschenverständnis liegt der Vorstellung vom Recht des Menschen auf Selbstbestimmung und Selbstverantwortung zugrunde?"
"Gibt es eine Religion, die diesem Anspruch des Menschen gerecht wird?"

Das ist die Frage, die es auf die Feststellung hin "Demokratie ist mehr", zuerst zu beantworten gilt. Wir haben Arnulf Zitelmann eingeladen, mit uns eine Antwort auf diese Frage zu geben.
Zitelmann ist bekannt als Jugendbuchautor, dessen Grundthema die Auseinandersetzung des einzelnen mit verfestigter, von Machtansprüchen verhärteter und manipulierter Realität ist. Als Theologe und Philosoph zeichnet er dabei das Bild eines auf sich selbst gestellten Menschen, der vor sich und Gott nur besteht, indem er mit sich selbst eins bleibt und seinen Ansprüchen an sich selbst genügt. In Interviews, Aufsätzen und Artikeln hat Zitelmann auch immer wieder seine philosophisch-theologische Position auf den Punkt gebracht und läßt dabei klar erkennen, daß er an einen Gott denkt, der den Menschen zum Selbstgang bewegen will, nicht an einen, dem Menschen entgegen wirkenden Gott des Gesetzes, sondern an einen Gott, der ihn vertrauensvoll dazu drängt, die ihm eigene Gestalt zu finden (siehe Anlage: Das kleine ABC der Prozeßtheologie und zwei Zeitungsinterviews).



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Der Rahmen

Arnulf Zitelmann war eine ganze Woche (vom 1. zum 8. April 2001) in Südtirol: in 8 Oberschulen und in einer Volksschule vier verschiedener Städte vor insgesamt etwa 800 Schülern, zu Lesungen in zwei Stadtbibliotheken, zu zwei Gesprächsrunden, die gemein-sam mit der Initiativgruppe für eine lebendigere Kirche explizit zum Thema: Demokratie und Religion, veranstaltet wurden (beide wurden aufgezeichnet) und zur Sonntagspredigt in der Evangelischen Kirche. In den Oberschulen hat Arnulf Zitelmann die Schüler vorwiegend mit seiner Lebenserfahrung im Dritten Reich konfrontiert (Vortrag aus seinem Buch "Paule Pizolka oder eine Flucht durch Deutschland").
Sein Auftreten und dessen Inhalte sind bekannt gemacht worden über ein Vierseiten-Interview in der Wochenzeitung FF (5. April 2001, Nr. 14) und einen Mittagsmagazinbeitrag im RAI Sender Bozen, in der Zeitschrift der Initiativgruppe "Impulse für eine Kirche in Freiheit und Vielfalt" und in den Veranstaltungskalendern der verschiedenen Medien.
Persönlich eingeladen wurden die ca. 400 Mitglieder der beiden veranstaltenden Organisationen und die wichtigsten Organisationen im Land.

Das Ergebnis

Arnulf Zitelmann hat im Laufe der Veranstaltung einen neuen Begriff geprägt, der prägnant sein Gottes- und Menschenbild verdeutlicht: den Begriff der Ermündigung!
Dieser Begriff ist so neu wie die Sichtweise der Prozeßtheologie, die Zitelmann vertritt, obwohl sie der Idee der modernen westlichen Kultur von der Realität des Menschseins als Entwicklungsgeschichte entspricht: die Menschwerdung und die Entwicklung des Menschen als ein Prozeß der Selbstbefreiung und des seiner selbst Herr Werdens. Dies sowohl im Sinne einer Befreiung von den Zwängen der Natur, die der Mensch nicht selbst ist, als auch der Überwindung des Ausgeliefertseins an seine eigene Natur durch das Gewinnen von Distanz zu sich selbst.
Gott wird nicht mehr verstanden, als die über den Menschen richtende Instanz, nicht als eine, die vorschreibt, was gut und was böse und das Gesetz ist. Das nicht selbst gegebene Gesetz entmündigt mit der Androhung von Strafe, mit der seine Einhaltung erzwungen werden soll. Ein solcher Gott, ist dem Ideal der Demokratie fern, er ist ein entmündigender Gott. Sein Gesetz steht außerhalb des Menschen, es kommt von oben, nicht aus seiner Mitte. Die vom Menschen erwartete Haltung diesem Gott gegenüber ist die des Gehorsams und der Unterwerfung. Der Gott, der den freien Menschen will, ist ein ermündigender, ein zu Mündigkeit anregender Gott. Er ist durchaus der Gott des großen Wagnisses, des erbärmlichen Scheiterns ebenso wie des göttlichen Gewinnens.

Zitelmann stellt Gott dar als einen, der gleichermaßen antreibt, schiebt, anregt und aus der Zukunft herein wirkt, aus ihr anzieht als eine unbegrenzte Kraft, die von Anfang an wollte, daß etwas ist und nicht nichts und daß das, was ist, nicht ein für alle Mal ist, was es ist, sondern daß es selbst werden kann. Der Ort, von dem aus dies geschieht, ist der schlichtweg unbestimmte Ort - u-topos. Gezogen wird in die Unbestimmtheit: den Menschen bestimmend ist das fundamentale Freisein und damit die Notwendigkeit, sich Gestalt zu geben, sich selbst zu bestimmen. Das bewußt zu tun, fröhlich und begeistert über das Reich des Möglichen, das die reale Welt in jeder ihrer Daseinsform vervollständigt, selbstverantwortlich und bestimmt Gestalt anzunehmen, das ist die Ermutigung dieses Gottes, und indem er dies den Menschen zutraut, findet Ermündigung statt.

Die Demokratie ist das politische Ideal, das dieses Gottes- und Menschenbild zur Grundlage hat und ist der Weg seiner Umsetzung. Demokratie ist nicht Monarchie, nicht Aristokratie, nicht Theokratie, hier gilt kein "göttliches Gesetz" und kein "Von-Gottes-Gnaden" und soll keine Entscheidung anders als durch die Übereinkunft der Bürgerinnen und Bürger legitimiert werden. Es ist ihre Aufgabe, es ist ihnen aufgegeben, die "göttlichen Ideale", die sie antreiben und anziehen, im Gestaltwerdungsprozeß der Wirklichkeit mit- und einwirken zu lassen. Das Entscheidende aber an der Demokratie ist nicht das, was in ihr behandelt wird, ihr Inhalt - für diesen sorgen die Bürger und Bürgerinnen in ihrem göttlichen und irdischen Menschsein - sondern die Art und Weise, die Methode, die unter dem Dreigestirn der Freiheit, Gleichheit und Brüder- und Schwesterlichkeit der Suche nach Abstimmung untereinander und Übereinkunft verpflichtet ist.

Die Art und Weise, wie Bürgerinnen und Bürger diese Abstimmung und Übereinkunft finden sollen, das Ringen um die Regeln, nach denen die Suche nach dem gemeinschaftlich Anstrebenswerten erfolgen soll, das ist jetzt die offene Geschichte der Demokratie. Mit den autoritären Herrschaftsformen, die sie hinter sich gelassen hat, ist sie grundsätzlich offen, hin zu Regeln, die immer mehr den einzelnen Menschen in das Zentrum der Verantwortlichkeit rückt und in den Auftrag, sich selbst zu bestimmen. Alle Regeln, die diesen Raum wieder einengen, sind rückwärtsgewandt und haben keine Zukunft. In diesen Raum sind aber schon genügend Menschen eingetreten, um so viel Zukunft herein wirken zu lassen, daß sie sich gedrängt und gezogen fühlen, an diesen Regeln selbst zu wirken und sie so zu gestalten, daß weiter Annäherung geschieht an den demokratischen Anspruch: die mögliche gleichberechtigte Beteiligung aller an der Bestimmung der eigenen Lebensbedingungen.


Bozen, 15. Mai 2001



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